Interaktionskompetenz ist die maßgebliche Ressource für Open Innovation-Ansätze
Von Stefan Schwarz und Nino Tomaschek
Es ist viel über die Notwendigkeit geschrieben worden, dass Unternehmen die Fähigkeit entwickeln müssen, sich an veränderte Wettbewerbsbedingungen anpassen zu können. Doch nicht nur im Fußball gilt die Erkenntnis, dass es besser ist, das Spiel zu machen, als Ball und Gegner hinterherzulaufen. Im Zeitalter von Globalisierung und Digitalisierung gilt es nicht nur den beschleunigten technischen Wandel mit immer kürzeren Produktlebenszyklen zu verkraften, sondern obendrein Standortnachteile gegenüber Niedrigkostenländern durch Wissensvorsprung auszugleichen. Hohe Innovationsfähigkeit gilt deshalb als der Schlüssel für Wachstum und Unternehmenserfolg im 21. Jahrhundert.
Doch wie macht man Organisationen nachhaltig innovativ, die i.d.R. schon gegen kleine Veränderungen resistent sind? Und wie kann man die Kreativität in Unternehmen dauerhaft erhöhen, wo durch (Erfolgs-)Routinen meist ein begrenzter Lösungsraum entsteht, der an vorhandenes Wissen angrenzt und dadurch radikale Innovation eher ausschließt? Dieses Problem der lokalen Suche (auch als Kompetenzfalle bezeichnet) lässt sich dadurch erfolgreich umgehen, dass Unternehmen neue Akteure in den Innovationsprozess einbeziehen. In einem interaktiven Wertschöpfungsprozess lässt sich die Kreativität breiter Mitarbeiterschichten, aber auch externer Akteure wie Kunden und Nutzer oder von Innovationsnetzwerken nutzbar machen. Hierfür hat sich der Begriff Open Innovation eingebürgert.
Web 2.0 und Social Software schaffen neue Möglichkeiten für Unternehmen, intern und extern brachliegendes Wissen als Ressource zu erschließen und über die Bereitstellung von Kommunikationsplattformen und Werkzeugen, die Integration neuer Akteure in den Innovationsprozess zu ermöglichen. Doch Web 2.0 funktioniert nach eigenen Gesetzen, es gelten neue Regeln für Nutzer, Technik, Geschäfte, Kommunikation und Zusammenarbeit. Web 2.0 setzt enorme kreative Potenziale frei, es wird geteilt, verknüpft, bewertet, kombiniert, ergänzt, entwickelt und vertrieben, über alle Unternehmens- und Systemgrenzen hinweg. Oft sogar ohne konkrete Gegenleistung für die Schöpfer neuer Ideen, wie das Paradebeispiel Open Source Software beweist. Doch was hier entsteht, gehört zunächst einmal allen, lässt sich nicht einfach für sich behalten und wegschließen. Denn wer am Potenzial des Web 2.0 teilhaben möchte, muss sich auf diese Spielregeln einlassen oder er bleibt außen vor. Dazu gehört vor allem eine neue Offenheit: das Ende des Unternehmens als in sich geschlossenes, abgeschottetes System.
Open Innovation – wir sprechen hier von Open Business Innovation, da Innovation nicht auf die reine Produktentwicklung beschränkt ist, sondern auch Geschäftsmodell, Produktionstechnik und -prozesse, Vertrieb und Services, Marketing und Design oder Unternehmenskultur betreffen kann – rührt an den Grundfesten der Unternehmen. Open Business Innovation tangiert sowohl Strategie und Organisation als auch Kultur einer Organisation. Kreativität, Ideen und Engagement zuzulassen und zu steuern sind Grundprinzipien der Open Business Innovation, die es im Unternehmen zu entwickeln gilt. Unternehmensführung nach 2.0 Prinzipien erfordert daher ein neues Führungsverständnis, das Herrschaftswissen ablehnt und Mitarbeiterinitiative ermutigt. Mitarbeiter und Unternehmenskultur sind denn auch nach Ansicht von 94 Prozent aller von der Unternehmensberatung McKinsey in einer weltweiten Studie befragten Top Executives die maßgeblichen Treiber von Innovation. Unternehmen benötigen deshalb Vorbild und Steuerung durch das Top Management sowie neue Strukturen, Plattformen und Technologien, um Kooperation und Kommunikation zu befördern.
Damit wird deutlich, dass Unternehmen neue Fähigkeiten entwickeln müssen, um so genanntes Crowdsourcing initiieren und stimulieren zu können. Sie müssen die richtigen Fragen stellen und ein klares Briefing formulieren können, auf dessen Basis interne und externe Innovatoren ihr spezifisches, unterschiedlich geartetes Lösungswissen einbringen und durch Rekombination neue, bessere Lösungen generieren können. Interaktionskompetenz ist demnach maßgebliche Ressource und Katalysator für Open Innovation-Ansätze. Sie gilt es innerhalb des Unternehmens zu entwickeln und möglichst breite Mitarbeiterschichten in diese Entwicklung einzubeziehen – nicht zuletzt um mit den 2.0 Prinzipien die Human Performance im Unternehmen insgesamt nachhaltig zu steigern.
Autoren:
- Stefan Schwarz M.A., MBA ist Kommunikationswissenschaftler und Betriebswirt. Er ist Spezialist für Identitäts- und Veränderungsprozesse mit den Schwerpunkten Kultur- und Strategieentwicklung sowie Innovation bei der Unternehmensberatung cidpartners in Bonn.
schwarz@cidpartners.de - Priv.-Doz. Dr. Nino Tomaschek, MAS ist Leiter des Postgraduate Centers an der Universität Wien, Visiting Professor an der Flensburgschool for Advanced Research Studies der Universität Flensburg, Gründer des Forschungs- und Beratungsinstituts sevensix-Corporate Research and Consulting in Wien und Mitbegründer der Augsburger Schule des Innovations-Coaching und Experte für Transformations- und Innovationsprozesse.
nino.tomaschek@univie.ac.at



