Archiv nach Schlagworten: Aufstellungsarbeit

„Ich stehe zu meinem Wort.“ Leicht gesagt, nicht immer ganz so leicht getan…

Wer die letzten NRW-Landtagswahlen und die anschließenden Koalitionsgespräche verfolgt hat konnte eines beobachten: die Standpunkte vieler Kandidaten sind eher wandelbar. Gestern wollte man noch „auf keinen Fall“ mit einer anderen Partei koalieren, heute sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Eine klare Übersicht, wer für welche Position steht gibt es von außen nicht.

Da werden Meinungen schon einmal je nach Bedarf angepasst oder bei zu viel Gegenwind wieder zurückgenommen. Oder es wird die eigene Meinung vorgetragen und dann um jeden Preis gerechtfertigt. Sie wird, falls nötig, so langem wiederholt bis das Gegenüber sich zurückzieht. Welche Argumente der „Gegenspieler“ hat und ob an ihnen etwas Wahres dran ist spielt in diesem Moment keine Rolle. Hauptsache, ich behalte Recht.

Doch nicht nur Politiker, auch andere Führungskräfte stehen immer wieder vor der Herausforderung, ihren – womöglich noch unbeliebten – Standpunkt klar und zugleich neuen Argumenten gegenüber offen zu vertreten. Und dies nicht nur für sich selbst, sondern auch gemeinsam mit ihren Kollegen.

Genau dieser Herausforderung stellten sich vor kurzem mehr als dreißig Führungskräfte. Sie hatten sich zurückgezogen um sich ein Wochenende lang über ihr Verständnis von „Führung“ in ihrem Bereich zu sprechen. Wie sieht eine ideale Führung aus? Demokratisch oder autoritär? Anhand einheitlicher Regeln oder mit viel Freiheit für den Einzelnen?

Um sich nicht in endlosen Diskussionen zu verzetteln, haben wir eine Methode genutzt, die eine Mischung aus einem „Fishbowl“ und einer Strukturaufstellung ist. Sie unterstützt die Teilnehmer dabei, ihre Standpunkte sichtbar zu machen – und sie zu halten:

Jeder Teilnehmer, der eine Meinung zu dem diskutierten Thema hat, steht dabei auf und stellt sich in den Raum um diese zu „vertreten“, verbal wie körperlich. Er bleibt auch nach seinem Redebeitrag stehen und wartet die Reaktionen der anderen Teilnehmer ab. Ab diesem Moment wird jede neue Meinung in Bezug zu diesem ersten Standpunkt gebracht. Nachfolgende Redner positionieren sich ebenfalls im Raum. Stimmen sie dem Gesagten zu, stellen sie sich hinter den ersten Redner, „stärken ihm den Rücken“. Haben sie eine andere Meinung stellen sie sich gegenüber, leicht abgewandt, nah oder weit entfernt … je nachdem. Allen Anwesenden wird so auch ohne langwierige Diskussionen schnell deutlich, welche Positionen im Raum „vertreten“ sind.

Stehen erst einmal alle wichtigen Positionen im Raum kommt es wie von selbst zu einem Austausch und dem Versuch einer Annäherung. Im Laufe des Gesprächs wechseln Teilnehmer die Position, machen eine neue Position auf schließen sich einer anderen Gruppe im Raum an. Im Falle unserer Gruppe zeigte sich nach und nach, dass die Positionen gar nicht so weit auseinander lagen und es eine gute Schnittmenge gibt, der alle zustimmen können.

Dieses Geschehen ist nicht ungewöhnlich: Erst wenn die verschiedenen Positionen wirklich sichtbar und die verschiedenen Argumente wahrgenommen werden kann ein gemeinsames Bild entstehen. Ein Gesamtbild, in dem sich Kritik und Skepsis ebenso wiederfinden wie die geteilten Grundansichten und visionäre Ideen. Ein Gesamtbild, in dem jeder seinen Standpunkt klar vertritt und zugleich die Standpunkte der anderen kennt und wahrnimmt.

Autor: Ilka Lütkemeier

Management Constellations

Eigentlich hatte ich die Aufstellungsarbeit als Intervention nach den Ausbildungen bei Gunthard Weber und Varga von Kibed und einigem Ausprobieren seit 2004 in die Schublade gelegt und dann nur noch in der Arbeit mit Aufstellungsfiguren im Einzelcoaching verwendet.

Im Umfeld von Großunternehmen, so meine Überzeugung, sind Organisationsaufstellungen und Strukturaufstellungen schwer anschlußfähig. Viele Grundproblematiken und Fragen in der Beratung des Managements sind heute nach wie vor aktuell, bspw.: Wie entscheiden wir besser in undurchsichtigen und komplexen Situationen? Wie gewinnen wir an Tiefe in Management Meetings? Wie gestalten wir Managementmeetings mit endlosen Debatten und machen Sie effektiv und fruchtbar, kommen zu Lösungen, die tragfähig sind, Lösungen die auch die Probleme bearbeitbar machen?

Mit Management Constellations, einem neuen Format in der Aufstellungsarbeit, konnte ich nun diese kraftvolle, mächtige und in Ihrer Wirkung verblüffende Interventionsart im Juni 2010 wieder aus der Schublade holen.

Was hat mich hier so begeistert, was ist bei  Management Constellations anders? Aus meiner Sicht gelingt es dem Management während der Aufstellungsarbeit von einer Ebene des Downloadings auf die  Ebene des Sensings und Hinspürens (vgl. U-Theory v. C. O. Scharmer ) Zugang zu impliziten und unbekannten Wissen zu bekommen. Das allein ist schon eine entscheidende Leistung, da es in relativ kurzer Zeit und ohne hohen Aufwand im Vergleich zu bspw. Outdoor Übungen machbar ist. Durch die anschließende Sinnstiftung (vgl. Sensemaking in Organizations, K. Weick) in einem gemeinsamen Willenbildungsprozess entsteht eine andere  Art der Qualität des Entscheidens. Das Erstaunliche und Überraschende für mich war, dass das Format der  Management Constellations hoch anschlussfähig in Unternehmen sein kann. Der bei Aufstellungen in Unternehmen hinderliche und gefürchtete Systemebenenwechsel, bei dem privates und familiäres in den Vordergrund rückt, tritt bei dem Format der Management Constellation nicht auf.

Autor:  Gunter Gruhser

Literatur dazu:  Management macht Sinn, Organisationsaufstellungen in Managementkontexten, Claude Rosselet, erscheint im September 2010;

http://www.carl-auer.de/programm/978-3-89670-752-9